Warum mich dieser Artikel nervt, obwohl ich kein „Internet-Krawallmacher“ bin

Triggerwarnung! Bitte Vorsicht beim Lesen!

Am 26. März 2015 erschien in der Welt ein Artikel von Ronja von Rönne, einer freien Autorin, mit dem Titel: „Warum ihr alle psychisch gestört seid“. In den darauf folgenden Tagen gab es heftige Reaktionen – sowohl Zustimmung als auch Ablehnung – in den sozialen Medien. Vor allem auf Twitter überwiegte die Ablehnung gegenüber des Artikels, bzw. der Art, wie dort über psychische Krankheiten geschrieben wurde.

Ich, als Nicht-Journalistin und Twitter-Userin möchte heute hiermit meine ganz persönliche Meinung zu dem Artikel und auch zu dem drauf folgenden Interview, das Dom S. mit der Autorin geführt und auf kaffeeundfluchen.com veröffentlicht hat, kund geben und einfach einige Gedanken dazu aufschreiben.

Zunächst darf man sicherlich nicht vergessen, dass der Artikel unter der Rubrik „Meinung“ bei der Welt erschien, also keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit und Vollständigkeit darstellt, sondern eben eine einzelne Meinung, also ein persönliches Statement zu einer Sache darstellt.

Trotzdem bin ich der Meinung, dass wenn man ein solch sensibles und komplexes Thema bearbeitet und einen Artikel dazu veröffentlicht, man sich im Klaren darüber sein muss, dass dieser Artikel auch von vielen gelesen wird – ist ja auch irgendwie Sinn der Sache nicht wahr? – und eventuell auch als allgemein gültige Wahrheit und Ei des Columbus gefeiert werden wird. Denn man muss davon ausgehen, dass der durchschnittliche Leser eben über kein Fachwissen oder persönliche Erfahrung in dem Gebiet verfügt.

Das Thema an sich ist ein sehr interessantes, was sich aber sicherlich nicht in drei Sätzen zufriedenstellend darstellen lässt: Das Thema heißt „wo fängt psychische Krankheit an“.

Was mich an dem Artikel wundert, ist das völlige Fehlen der medizinischen Perspektive. Es wird alles als ein Problem der Sichtweise geschildert. Es ist das Problem von „uns“ schreibt sie, wie „wir“ die Dinge sehen.

Wer ist mit „uns“ gemeint? Die Gesellschaft im Gesamten vielleicht? Die Leser der Welt? Oder reden wir von jungen, gut ausgebildeten Frauen der oberen Mittelschicht, so wie die Autorin das ja auch beschreibt: „Wir sind ja nicht verrückt, sondern jung, schön und erfolgreich. Und eben, wenn das mal nicht läuft, krank“.

Genau das scheint der Knackpunkt zu sein, da die Autorin ausschließlich von ihrer eigenen und dadurch sehr beschränkten Perspektive auszugehen scheint und dies dann verallgemeinert. Nur so lässt sich beispielsweise auch der Satz „Heute werden psychische Krankheiten nicht mehr stigmatisiert“ überhaupt verstehen.

Das Schlimme an der Sache ist jedoch, dass sie dies nicht ausreichend kenntlich macht  (vielleicht ist es ihr auch nicht bewusst) und dass der flüchtige Leser auf den Punkt kommen könnte, dass es sich mit allen, die sich in Kliniken oder Therapien aufhalten, so sein könnte, wie scheinbar mit der Autorin und ihren Freundinnen: Dass sie einfach den Schwierigkeiten, die ein Leben nun einmal an sich hat, aus dem Weg gehen und sich lieber einen „Entschuldiungsschein“ vom Arzt holen, um sich eine Auszeit zu gönnen, als sich den Problemen zu stellen und-oder sie zu akzeptieren.

Das ist jedoch der fatale Fehler, den die Autorin begeht: zu denken, dass es um das perfekte Leben und um das absolute Glücklichsein geht. Bei vielen dieser Menschen geht es schlichtweg um das nackte Überleben.

Nicht umsonst gibt es beispielsweise eine Twitterkampagne  mit dem Hashtag #notjustsad (in der darauf aufmerksam gemacht werden soll, dass Depressionen etwas anderes sind als „traurig“ zu sein) .

Dies zu unterscheiden obliegt gut ausgebildeten Ärzten (von denen es leider viel zu wenig gibt, das ist jedoch ein andere Thema ..) denn anhand des Fakts, ob jemand frisch gefärbte Haare hat oder nicht, kann dies sicherlich nicht entschieden werden.

Also all diese Leute, die täglich ihren Kampf kämpfen und für jedes bisschen Leben kämpfen müssen, dürfen nun lesen, dass sie sich doch bitte einfach nicht so anstellen sollten. Und die Autorin wundert sich, dass dies zu emotionalen Reaktionen führt?

In dem Interview geht sie darauf nochmals näher ein. Auch ich habe mich im übrigen sehr über den Artikel geärgert und schreibe deswegen heute diesen Text.

Davon abgesehen, dass es Leute gibt, die Kritik nicht adäquat äußern können oder wollen und mit Hasstiraden meistens über das Ziel hinausschießen, finde ich die Entgegnung der Autorin, dass die meiste Kritik wohl von „Internet-Krawallmachern“ und sicherlich nicht von Borderlinern oder Depressiven kam, etwas zu kurz gegriffen. Denn ich weiß mit Sicherheit, dass die Kritik zumindest zum Teil von direkt Betroffenen kam. Und nein, es liegt auch nicht an Twitter als Plattform, dass Kritik geäußert wurde, sondern es lag am Inhalt des Textes.

Vielleicht ist die Form mancher Kritik härter auf Twitter, weil die Zeichenanzahl begrenzt ist – auch deswegen habe ich heute die Form eines Beitrags und nicht eines Tweets gewählt, aber ich denke für eine Autorin, die selbst Wert drauf legt, dass ihre Texte sehr ehrlich und offensiv sind, muss so etwas vorhersehbar und auch ertragbar sein. Wichtig wäre es nun gewesen in dem Interview, das nochmals nach ihrer Sichtweise gefragt hat, zu überlegen, wieso so viele Leute so emotional reagierten, doch die Autorin kann leider scheinbar nicht aus ihrer Haut und so versuchte die Autorin, sich im Interview dafür halbherzig zu entschuldigen und sich zu erklären, bleibt jedoch mitten im Versuch dabei stecken und tritt lieber nochmals nach, indem sie z.B. sagt, dass Aufklärungsarbeit inflationär betrieben würde und dass sie Triggerwarnungen als Zumutung empfindet.

Das einzige, was mir dazu noch einfällt ist, dass es noch sehr viel mehr Aufklärungsarbeit bedarf, bis auch der letzte Autor begriffen hat, warum Triggerwarnungen für manche Menschen wichtig sind.

Alles, was ich geschrieben habe, sind meine persönlichen Ansichten, doch ich hoffe, vielleicht für den ein oder anderen zu sprechen, der es selbst nicht schafft die Kraft für die richtigen Worte zu finden.

Und schließe mit den Worten von Jared Padalecki: “People who are dealing with depression, addiction or suicidal thoughts or mental illness … they’re strong […] You’re strong because you’ve been in this fight and you wake up thinking you’re going to beat it again today.” #AlwaysKeepFighting

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